Die DNA von Marseille

Babel Music XP gegen Rechtsextremismus am Wochenende vor der Wahl / Diverse Spielorte, Marseille, Frankreich, 19.-21.3.2026 März

20. April 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

„Ihr seid ein Symbol für unsere Stadt!“ In seiner Willkommensrede für rund zweitausend Professionelle aus der Musikbranche, die sich drei Tage lang in der südfranzösischen Metropole treffen, betont Direktor Olivier Rey die „DNA der Stadt Marseille“, in der die Kulturen in Dialog treten und sich mischen. Die älteste Stadt Frankreichs sei ein Treffpunkt für Menschen von überall, seit sie 600 v. Chr. von griechischen Seefahrenden gegründet wurde.

Text: Martina Zimmermann

Babel Music XP findet an diesem Wochenende unter besonderen Umständen statt. Am Sonntag finden Kommunalwahlen statt, und die Rechtsextremen des Rassemblement National stehen vor der Pforte, landeten im ersten Wahlgang auf Platz zwei. Ihr Kandidat, Franck Allisio, bekam 35 Prozent der Stimmen, der bisherige sozialistische Bürgermeister Benoît Payan konnte mit 36,7 Prozent nur einen sehr knappen Vorsprung wahren. Daher der Appell Olivier Reys: „Nach drei Tagen Austausch mit der Welt – geht wählen!“

Célia Wa

Foto: Jean de Peña

Das Kulturprogramm der Rechtsextremen bestehe darin, an einer „unveränderbaren Tradition festzuhalten: rein, alt – wie es früher war“, sagt Rey im Gespräch. Die Messe mit 31 Showcases, die nicht professionellem Publikum wie bei einem Festival offenstehen, zeige die jungen Generationen von Musikschaffenden aus aller Welt, die ihre Traditionen „nicht in den Händen der Nationalisten“ lassen. „Es sind ihre Traditionen, die immer in Bewegung sind und so überleben“, weiß der Festivaldirektor. Das sei eine Grundidee von Babel Music XP.

Die Babel-Musikmesse im Frühling und das Fiesta-des-Suds-Festival im Herbst sind die beiden wichtigsten Events globaler Musik in Marseille. Sie stehen seit Beginn der Neunzigerjahre auch für praktisches politisches Engagement, mit der Trennung von Müll, null Plastik, ökologischen Wirtschaftsformen und lokaler Restauration, umweltfreundlichem Transport, Prävention und Sensibilisierung (Drogen, sexuelle Belästigung …) sowie mit Solidarität untereinander und nach außen. Das musikalische Programm bei Babel Music XP ist auch in diesem Jahr eine Ode an die Vielfalt dieser Welt, mit Acts aus 27 Ländern von vier Kontinenten.

Meryem Koufi (Mitte) und Mehdi Haddad (l.) Trio

Foto: Kaitline

Zum Beispiel die Band Broua bestehend aus tunesischen, französischen und niederländischen Mitgliedern: „Unser Boot wurde in Tunesien gebaut“, erklärt der in den Niederlanden lebende Leadsänger Wissem Ziadi. Es sei über das Mittelmeer und den Atlantik gefahren und habe die Musik und die Farben der Reise integriert. „Kultur ist unsere Waffe für ein bisschen mehr Frieden in dieser Welt.“

„Wir hielten Faschismus, Kolonialismus und Imperialismus für beendet“, sagt Célia Wa von der französischen Karibikinsel Guadeloupe. „Nun sehen wir, wie die USA mit Kuba und anderen umgehen und was im Nahen Osten passiert.“ Die kreolische Botschafterin eines Karibikfutursounds mit traditionellem Gwo Ka, Soul, Electro- und Hip-Hop-Jazz-Klängen will sich trotzdem nicht der Panik beugen. „Unsere Völker haben [mit Sklaverei und Kolonialherrschaft; Anm. d. Verf.] schon mehrere Apokalypsen überlebt“, ergänzt sie. Auf der Bühne glänzt die Sängerin, Komponistin und Tänzerin in einer Lightshow, zum Schluss sagt sie: „Gemeinsam werden wir Widerstand leisten, zusammen werden wir es schaffen.“ (Ein gesonderter Artikel zu Célia Wa erscheint in Kürze in folker #2.26.)

Djazia Sartour & Pierre-Luc Jamain

Foto: Jean de Peña

Auch Meryem Koufi & Mehdi Haddad aus Südfrankreich beziehungsweise Algerien sehen ihre Musik als Mittel zur Völkerverständigung. „Die arabisch-andalusische Musik singt von Liebe in allen Formen, ob spirituell, körperlich oder emotional.“ Diese Musik entwickeln sie mit der elektrischen Oud Mehdi Haddads weiter – vergleichbar mit der klassischen Musik, der heute wilde Dirigenten, außergewöhnliche Sängerinnen und meisterhafte Musikschaffende einen zeitgenössischen Atem einhauchen. Zu den bevorstehenden Wahlen meint Meryem Koufi: „Das Problem heute ist, dass es an Nuancen fehlt.“ Nuancen bringen die beiden jedoch in ihre Musik ein und sagen damit Nein zu einfachen (populistischen) Formeln.

Ahmed Eid mit der Band Ilyf

Foto: Rémi Del Campo

„Free Palestine“ wird von vielen Künstlern und Künstlerinnen zwischen den Songs als Forderung skandiert, auch von der schrägen kolumbianischen Rock-Salsa-Punk-Band Sonoras Mil. Solidarität mit den Völkern in Libanon, Jordanien oder der Demokratischen Republik Kongo, mit Kurdinnen und Kurden, Menschen aus Okzitanien, der Auvergne … Minderheiten und ein fröhliches Miteinander werden mit Musik gelebt.

Die aus Algerien stammende französische Musikerin Djazia Sartour singt für Flüchtlinge und übers Exil, schlägt dazu die Rahmentrommel algerischer Tradition Bendir, begleitet am Klavier von Pierre-Luc Jamain. Sartour singt laut, dann leise, ihre Stimme trägt auch ohne Mikro. Das Publikum singt wie auf Kommando mit. Mit einem Song über ein Sioux-Mädchen, das Anfang des 19. Jahrhunderts als Baby ein Massaker überlebte und zum Symbol des Widerstands wurde, erweist Satour den „Amerindianern und allen massakrierten Völkern“ eine Hommage: „Nicht erst in Gaza gab es einen Genozid.“

Cocanha

Foto: Jean de Peña

Dass solche Worte in Marseille auf der Bühne gesagt werden, erstaunt Ahmed Eid. Der seit dreizehn Jahren in Berlin lebende Palästinenser erzählt: „Vor allem in den letzten zweieinhalb Jahren ist meine Situation in Deutschland schwierig geworden.“ Nicht nur wegen der Wahlerfolge der AfD. Es sei in Deutschland ein Tabu, über Palästina zu reden. Dabei spreche er nur die Realität aus, wenn er Siedlerkolonialismus mit Apartheid vergleiche oder „Genozid und Zionismus“ bekämpfe. „Entweder hält man die Klappe und erzählt das Narrativ, das gehört werden soll“, klagt Eid. „Oder man hat einfach mal Schwierigkeiten.“ Keine Subventionen, keine Auftritte – dabei schreibe er neben wütenden Songs auch melancholische Liebeslieder

Grégory Dargent

Foto: Jean de Peña

In Marseille herrscht revolutionäre Redefreiheit, ob bei Tanzmusik wie bei Miksi mit Mitgliedern aus Kurdistan, Syrien, Albanien und Frankreich. Die französischen Musikschaffenden haben sich mit den anderen Sängerinnen und Musikern mit Flüchtlingshintergrund im „Migratory Music Manifesto“ verbunden.

Der meisterhafte Oudspieler Grégory Dargent gibt mit Fotos von zerbombten Häusern oder einem zerkratzten Frauenbild sowie mit lauten, brutalen, gewaltsamen Sounds mit Electro-Effekten eine beklemmende Vision vom Zustand der Welt. Mit sanften Tönen, unscharfen Schwarz-Weiß-Fotos und gemäldeähnlichen Bildern gedenkt er den Opfern. Es ist beklemmend und beängstigend, aber grandios, wie er ohne Worte ausdrückt, was viele fühlen.

Und das Frauenduo Cocanha, das okzitanische Polyfonie mit der Ästhetik von Electro verbindet, drückt unter Applaus ebenfalls seine Solidarität mit „regionalen und diskriminierten Minderheiten“ sowie „unterdrückten Völkern“ aus.

Den Zuschauerinnen und Konzertbesuchern tut es sichtbar gut, an drei Tagen zu hören und zu sehen, dass sie nicht alleine sind, wenn sie Krieg und Gewalt, aber auch Rechtsextremismus und Populismus ablehnen. Am Sonntag, einen Tag nach dem Ende der Messe, atmen dann viele mit einem „Uff“ der Erleichterung auf: Der bisherige sozialistische Bürgermeister Payan bleibt im Amt. Er wurde in der Stichwahl mit 54 Prozent wiedergewählt. Marseille bleibt vorerst Marseille.

www.babelmusicxp.com

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Aufmacher:
Broua

Foto: Jean de Peña

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